Servus und ជំរាបសួរ. Ich bin jetzt schon länger dabei, letztes Jahr ergab sich die Möglichkeit, im erweiterten Vorstand der Jungen Presse Bayern tätig zu werden. Kurze Zeit war ich darüber hinaus die Chefredaktion des wiederbelebten JOIN und saß auch an mehreren Artikeln, die ich nie fertiggestellt habe. Oft sagte ich mir, ich müsse jetzt endlich anfangen.
Machen. Man muss nur machen. Albern, nicht wahr?
Ich denke, dieser Moment ist jetzt gekommen. Doch ziehe ich es vor diesen ersten Artikel einem kleinen, besonderen und doch so unscheinbaren Wesen zu widmen, statt den großen Plänen nachzueifern, an denen es immer gescheitert ist. Dafür wird es noch genug Zeit geben.
Anfang des laufenden Jahres, im Februar, endete meine Zeit im erweiterter Vorstand und ich flog nach Kambodscha, um dort für 6 Monate als Englischlehrer im Süden des Landes tätig zu sein. Dafür hatte ich mich über das Global Teacher Programm der Studentenorganisation AIESEC beworben.
Dies wird bestimmt nicht der letzte Artikel sein, der sich mit diesen Erfahrungen auseinandersetzt. Es gibt so viel zu berichten, zu teilen. Ich bin jetzt ein weiser, alter Mann. Sogar einen Schnurrbart trage ich jetzt, etwas, was mir vor meiner Reise nicht als möglich erschienen wäre. Wie wundervoll das Leben doch ist.
Doch was ist dieses „Kambodscha“?
Kambodscha ist ein kleineres, buddhistisch geprägtes Königreich mit c.a. 16 Millionen Einwohnern in Südostasien, welches dieses Jahr wegen unglücklicher Geschehnisse ab Juni vermehrt auch in den westlichen Medien Aufmerksamkeit erfuhr.
Im Süden und Osten des Landes grenzt es an Vietnam, im Nordosten an Laos, im Westen an den Golf von Thailand und im Norden an dessen Namensgeber, das Königreich Thailand.
Das Klima ist tropisch, statt den uns hier bekannten 4 Jahreszeiten unterteilen die Kambodschaner (auch Khmer genannt) das Jahr in eine Hitzesaison (von November bis April) und eine Regensaison (von April bis November).
Im Norden der Nation befinden sich die Dschungelregionen, sowie neben vielen weiteren die weltbekannte Tempelruine „Angkor Watt“, welche die viel geschwungene Flagge schmückt und der atemberaubende Bayon-Tempel. Erinnerungen an einst blühende Zeiten. Ein Stolz, den sich die wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte, bis heute bewahren.

Der Süden Kambodschas – mein diesjähriges Zuhause – ist von noch älteren, aber unscheinbareren und unbekannteren Tempelanlagen geschmückt. Meine Weggefährten, die Khmer, berichten mir, dass sich hier das antike Kerngebiet befindet.
Man möge es mir verzeihen, ich werde ein andermal, in einem zukünftigen Artikel, noch genauer darauf eingehen.
Dieser Text ist schließlich einem ganz besonderen Freund gewidmet.

Ich lande am Morgen des 15. Februars 2025 in Kambodscha. Die ersten eineinhalb Tage verbringe ich, unter dem aufmerksamen Auge der lokalen AIESEC-Gruppe, in der charmanten Hauptstadt Phnom Penh. Die Emotionen dabei sind überwältigend. Ich hatte es endlich gewagt. Ich bin am Anfang meines Abenteuers. Raus aus dem Nest, weg von allem Bekannten. Mein erstes Mal in Asien. Mein Zuhause für die nächsten 6 Monate. Am Sonntag, dem Folgetag, werde ich mittags in das – für meine an deutsche Verhältnisse gewohnten Augen – riesige Einkaufszentrum AEON MALL Mean Chey im Süden der Großstadt gebracht.
Schon bald lerne ich meine zukünftigen Direktoren kennen und nach einigen, letzten Einkäufen und dem Abschied der AIESECer fährt der jüngere der beiden, Nearodey, mit einem unserer zwei Schulbusse knapp 2 Stunden zur PBS, einer der beiden Schulen unweit der vietnamesischen Grenze, an welcher ich schon ab morgen arbeiten werde.
Auch diese Eindrücke sollte ich einmal genauer schildern, ein andern Mal, wenn auch bedauerlicherweise der erste Monat meines Tagebuchs verloren ist. Danke, Apple Notes.
Endlich kommen wir zum Punkt.
An der Schule angekommen, weg von all den Hochhäusern und Wolkenkratzern, begegnen sie mir zum ersten Mal. Da hängen sie an den Wänden, beige-braune, circa 7 cm große Vierfüßer mit knuffigen Knopfaugen.
Geckos – genauer gesagt, asiatische Hausgeckos, ähnlich ihren Verwandten aus dem Mittelmeerraum, die man aus dem Urlaub kennt. Jedoch mit einem amüsierenden Kniff, der mir erst später bekannt wird.
Die Khmer nennen sie ជីងចក់, [ciːŋcɑk], Chingchak.
Es wird mich noch viel Zeit kosten, bis ich gelernt haben werde, diesen Namen zu schreiben und zur Zufriedenheit meiner Schüler auszusprechen. Doch ist es auch einer der Funken, die meine Liebe zu Sprache und Schrift erst entfachen. ខ្ញុំស្រឡាញ់ភាសាខ្មែរណាស់.
Bei Chingchak handelt es sich um einen onomatopoetischen Begriff. Unsere kleinen Freunde reden nämlich.
Bei kommender Dunkelheit fahren wir die National Road 21 ein wenig nach Norden, ich werde in ein Restaurant gebracht, wo wir im Hinterhof in einem Bambuspavillon kambodschanischen Hotpot, Fried Rice und Getränke genießen. Es ist heiß, und ich kann das alles noch nicht fassen. Tatsächlich frage ich mich bis zum Ende, nein, selbst bis heute, wie das alles sein kann und ob das wirklich passiert ist. Ich lächle.
Um sich vor den vielen Mücken zu schützen, wird eine spezielle Lampe aktiviert. Zudem bedient man sich eines verbotenen Tennisschlägers, mit dem meine Chefin scheinbar wild herumfuchtelt. Bzz. Bzzzz.
Ich laufe zurück zum Bus, in welchem noch meine ganzen Sachen liegen. Ich will mir mein Mückenspray holen, noch sitzt die Mücken-Warnung meines Hausarztes frisch im Gedächtnis.
Auf dem Weg dahin und wieder zurück sehe ich wieder unsere kleinen Titelhelden. Mit der Dämmerung werden sie viel aktiver, sie tauchen von überall aus auf und wie auch wir, nehmen sie ihr Abendmahl zu sich. Doch ihr Menü fängt gerade erst an.

Das Beobachten dieser Reptilien langweilt mich auch nach 6 Monaten nicht.
Oft stehe ich nach Arbeitsende in der Dunkelheit und im Schutz meiner Jeansjacke – das Mückenspray benutze ich mit der Zeit immer weniger – vor dem beleuchteten Schild meiner Schule, und schaue mir die Jagd dieser Miniaturraubtiere an, wie sie sich gar nicht mal so geschickt an ihre Beute heranpirschen, bevor die Zunge die letzten Millimeter überwindet und der angegriffene Gliederfüßer sich im Mund des fleißigen Räubers wiederfindet. Ist die Zunge einmal draußen, hat der Vielbeiner keine Chance mehr.
Die Chingchak werden zum Anker, zur ständigen Konstante.
Ich ziehe in meiner Zeit ein einziges Mal um, schon nach zwei Tagen, in eine andere Wohnung, direkt hinterm Markt. Aber die Szenerie ist die gleiche, egal wo, egal wann, tagsüber und besonders nachts. Nahezu jede Wand ist von mindestens einem Gecko geschmückt.
Diese zweite Wohnung – mein Zuhause für die längste Zeit dieses Jahres – hat keine konventionelle Tür, sondern eine Art, sich seitwärts öffnendes Garagentor mit circa je 0,5-1cm Abstand zwischen Boden und Decke. Zusätzlich befinden sich sowohl im Badezimmer, als auch oben neben dem Bett, Löcher in den Wänden. Ich vermute, es hängt mit der Luftzirkulation zusammen.
Das hat den interessanten Nebeneffekt, dass ich anfangs kaum kochen kann, denn sobald ich abends das Licht einschalte, betritt die halbe Bevölkerung der lokalen Krabbler meine Wohnung. Das erfahre ich sofort am ersten Abend leider dadurch, dass ich beim ersten Versuch innerhalb kürzester Zeit eine 2cm große Kakerlake durch die Tür kriechen sehe und ein wenig später das Zirpen einer Grille unter meinem Bett wahrnehme. Hätte ich mich nicht so erschrocken, wäre ich bestimmt fasziniert gewesen.
Aber neben all den Nachfahren der ersten Landgänger sind es auch meine kleinen Freunde, die Geckos, die sich in meinem bescheidenen Heim wiederfinden, und ihre Jagd fortführen.
Ich kann nun auch zum Einschlafen die Geckos beobachten, zählen, wie sie umherhuschen.
Da ich leider sehr arachnophob bin, schließe ich diese Lücken von Zeit zu Zeit, so ist Ende Mai fast alles von Moskitonetzen und Schaumstoff bedeckt.
Bis dahin hatte ich, neben der gelegentlichen, mich zu Tode erschreckenden, größeren Spinne, einen regelmäßigen Geckoverkehr. Mal waren es 4, mal nur 2, die ich abends an meiner Wand und Decke herumklettern sah. Und hörte.
Schon im Februar gab es nachts draußen ein regelrechtes Konzert, bestehend aus Zikaden, Heuschrecken und komischen Vögeln, die sich später überraschend als Geckos offenbarten.
Als die Regenzeit anfängt, verschwinden die Zikaden, aber die Geckos, Vögel und Heuschrecken und was ich sonst nicht näher identifizieren kann, bleibt.
Und „bleiben“ trifft es ganz gut. Nach der vermeintlich erfolgreichen Sicherung meiner Festung vor den vielbeinigen Invasoren, bleibt ein einziger Chingchak in meiner Wohnung zurück. Schon bald findet er in meinem Badezimmer ein neues Revier.

Wir werden Roommates.
Zunächst fühle ich mich schlecht, in der Sorge, ihn eingesperrt zu haben. Mehrfach öffne ich die Tür, um meinem Gecko-Genossen, wie ich ihn mit der Zeit nenne, die Möglichkeit zu präsentieren, hinaus zu stolzieren. Doch auch wenn ich ihn überaus niedlich finde, so beruht das nicht auf Gegenseitigkeit. In seinen Augen bin ich eine Bedrohung. Und das leider nicht zu Unrecht.
Die meisten Khmer mit denen ich zu tun habe, schauen nicht ganz so wohlwollend auf diese natürlichen Ungezieferbekämpfer.
Sie greifen lieber zu Gas und Besen.
Im besten Fall ist ihnen der Gecko egal, im schlimmsten Fall aber haben sie panische Angst. Ungefähr so, wie ich auf die Hausspinnen reagiere.
Das stelle ich unter anderem auch daran fest, dass in meinem Klassenzimmer gelegentlich der eine oder andere Chingchak über die Wand läuft, oder auch einfach nur still dasitzt. Häufig fangen einige meiner Schüler*innen an zu schreien.
In den Pausen schauen sich die Kinder gerne mein Bilderbibliothek an, ich unterstütze das und will ihnen auch die meinige Welt vorstellen. Wie schaut ein Herbst aus? Ich mache allerdings auch fleißig Fotos von meinem süßen Zimmergenossen, einmal schaut zum Beispiel nur der Kopf aus einem Spalt in der Wand heraus.

Naja, es ist das gleiche Album und ich bekomme ein immer klareres Verständnis für die Ausmaße dieser Angst. Dieser Abscheu vor diesen, für mich so putzigen, Tierchen.
Aus Neugierde gehe ich dem immer mehr auf die Spur. Ich frage meine Klassen nach ihren Meinungen zu den Chingchak. Selbst bei den älteren Kindern, meinen jungen Teenagern, fällt die Resonanz eher schlecht aus.
Diese Phobie ist nicht unüblich.
Als guter Lehrer, der ich nach 4 Monaten endlich zu sein hoffe, versuche ich, ein bisschen Licht in die Sache zu bringen. Die Geckos würden Fliegen, Mücken und Spinnen essen. Sie würden uns helfen. Ich rufe zum Respekt vor der Natur auf. Allerdings ist das auch noch ein Thema für ein anderes Papier: der Umgang mit Müll.
Ironisch, dass das von mir kommt. Arrogant.
Ich töte die von mir nicht in der Wohnung gewünschten Wesen zwar nicht, aber ich lasse sie töten, das ist nicht besser. Meine Arachnophobie hat zur Folge, das ich zügig lerne, meinem Vermieter auf Khmer mitzuteilen, dass ich eine große Spinne in der Wohnung habe und er bitte schnell kommen soll.
Zurück zu meinen Kindern – es scheint sogar ein bisschen zu funktionieren. So erzählt mir eines Tages ganz stolz eine meiner Schülerinnen, 8 Jahre alt, dass sie in ihrem Zimmer zwei Geckos habe, und sie diese nicht töten würde, sie seien schließlich ein Pärchen. Sie gab ihnen Namen.
Viel Begeisterung für diese kleinen Wesen kann ich allerdings nicht streuen. Es scheint gesellschaftlich verankert. Selbst der Tätowierer, zu welchem ich am Ende meiner Reise gehe, scheint nicht viel von ihnen zu halten. So lasse ich ihm die Wahl über das Motiv, mir wäre nur wichtig, dass ein Gecko – Chingchak oder Tokeh – mein Bein emporklettert. Nun, er entscheidet sich für letzteren, der meinen Erfahrungen nach ebenso – wenn nicht sogar mehr – gehasste Tokeh, in Kambodscha តិកកែ [təkkaə]. Natürlich trotzdem ein sehr schönes Tattoo.
Auch mein Vermieter tötet, als ich ihn mal wieder zur Hilfe rufe, ungefragt neben der Spinne auch noch einen Gecko. Ich beschwere mich.
Das ist eine viel tiefere Diskussion, die Spinne sollte genauso viel Recht zu leben haben, wie der Gecko und auch der Begriff „Ungeziefer“ ist für mich ein Unwort. Aber dies hier ist keine wissenschaftliche Arbeit.
Ich will mit dir, sehr verehrte*r Lesende*r, etwas schmunzeln.
Mir fällt es sehr schwer diese Angst – welche fast schon an Hass grenzt – nachzuvollziehen, aber so ist es nun einmal mit Phobien. Ihnen fällt es genauso schwer, meine panische Angst vor Spinnen nachvollziehen zu können. Taranteln – welche die Khmer allerdings nicht als Spinnen definieren – sind ein bekanntes, wenn auch teureres Streetfood. 2$ das Stück. So beschwert sich zumindest meine Chefin, als ich mich mal wieder über eine der Hausspinnen echauffiere. Dieser Tag war ein besonderer, denn es war einer, an dem das achtbeinige Monster unter meinem Bett verschwindet.
Das soll nicht heißen, dass kein Khmer Angst vor Spinnen hat.
Anders als die Spinnen findet man die Geckos überall und an jeder Wand. Durch ihre Allgegenwärtigkeit werden sie für mich auch irgendwie zu einem Symbol meines Lebens in Kambodscha. Egal wo ich mich befand, der nächste Gecko war – wenn überhaupt – nur zwei, drei Kopfbewegungen entfernt.

Die gänzlich glamourösen Geckos als Fixpunkt.
Einmal sogar findet sich eine der Echsen in unsrer Kühltruhe wieder. Wobei ich bei „Kühltruhe“ betonen möchte, dass es sich hierbei um eine große quadratische Kiste aus rotem Kunststoff handelt, in der mithilfe von Eiswürfeln unsere Wasserflaschen gekühlt werden.
Ich erblicke den Unglücklichen ungläubig, als ich gerade dabei bin, mir in einer der Pausen etwas zu trinken zu holen. Um die Schüler*innen vor dem Schock und uns Lehrende vor der Hysterie zu bewahren, aber auch um ein kleines Leben zu erhalten – ein kleiner Ausgleich – nehme ich mir die Flasche, auf welcher der Abenteurer mithilfe seiner faszinierenden Pfötchen klebt und setze ihn auf dem Boden in die Sonne, weg von den meisten Schüler*innen. Jedoch nicht ohne ein paar Fotos zu machen.

Der kleine taut langsam auf und flitzt rasch weg. Gleichzeitig geht der Unterricht weiter. Ich stimme mich zuversichtlich, dass er überlebt hat.
Lehrer zu sein ist manchmal sehr anstrengend.
Ich bin mit Katzen, Hunden und Kaninchen großgeworden und auch wenn ich hier in Kambodscha Freunde gefunden habe, so fühlt man sich doch von Zeit zu Zeit einsam. Über 9000km von allem Vertrauten entfernt. Da ist es auf eine merkwürdige Art und Weise gut zu wissen, nicht ganz alleine in der Wohnung zu sein. Zurück von der Arbeit, in meinem Bad, sitzt dieses kleine, süße Wesen, dass von mir zwar nicht so viel zu halten scheint, aber trotzdem da ist. Sein wonniges Antlitz genügt, um mein Gemüt zu erwärmen.
Als ich am 9. August meine Wohnung das letzte Mal verlasse und zusammen mit einem Freund in die Hauptstadt fahre, ist der Gecko-Genosse immer noch im Bad.
Ich lasse ihn zurück, doch die Erinnerung lebt.
Meinem Vermieter und meinem Chef erkläre ich, dass sie es nicht wagen sollen, diesem unschuldigen Wesen das Leben zu nehmen, ihm auch nur ein Haar – die er zumindest an den Füßchen hat – zu krümmen.
Aber es liegt nicht mehr in meiner Hand. Ich frage mich, ob mein Nachmieter eine ähnliche Einstellung hat.
Ob es dem kleinen noch gut geht?


