Vor der 30. Weltklimakonferenz (COP 30), welche letztes Jahr in Belém in Brasilien stattfand, wurde wie jedes Jahr die Prognose des UN Emissions Gap Report für die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Zeit veröffentlicht. Diese ist zwar von 3,1 °C auf 2,8 °C gesunken, dennoch betont UN-Generalsekretär António Guterres, dass dies zwar „ein Fortschritt – aber bei weitem nicht genug“ sei. Auch die Mehrheit der Gesellschaft fordert mehr Klimaschutz. Das geht unter anderem aus einem Bericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt hervor, der zeigt, dass sich „eine deutliche Mehrheit [der Deutschen] wünscht […], dass die Politik beim Klimaschutz aktiver wird“ (Tagesschau). Zudem hat eine Studie des UNDP (UN Development Programme) ergeben, dass 80 % der Weltbevölkerung stärkere Klimaschutzmaßnahmen von Regierungen fordern. Daher stellt sich also die Frage, welche Entscheidungen sowohl die deutsche als auch die internationale Politik nun aktiv durchsetzen müssten, um diesen gesellschaftlichen Forderungen gerecht zu werden.
Am 07.11.2025 war die bekannte Klimaaktivistin Luisa Neubauer in Würzburg, um ihr jüngstes Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind“ vorzustellen. Die Gelegenheit haben wir genutzt und Luisa Neubauer interviewt.
Der Frage nach den notwendigen Entscheidungen der Politik gingen wir auf den Grund. Ihr zufolge müsse man in Deutschland eigentlich nur die bereits vorhandenen Gesetze und damit geltendes Recht einhalten. „Wir haben sowohl ein Klimaschutzgesetz als auch ein Verfassungsgerichtsurteil und beides legt fest, dass Emissionen in Deutschland relativ schnell gesenkt werden müssen. Dies muss gerecht stattfinden und zukünftige Generationen dürfen nicht benachteiligt werden. Des Weiteren betont Luisa Neubauer, dass man, um dieses Recht einzufordern, selbst keine bestimmte Klimabilanz vorzuweisen habe. Wie auch in Deutschland aber gerade auch international sei es besonders wichtig, dass man keine neuen fossilen Explorationen startet. Dies wurde bereits auf der COP 28 im Jahr 2023 beschlossen. Damit ist gemeint, erklärt sie: „Dass die Öl- und Gasfelder, sowie die Kohleminen, die noch bestehen, geschlossen werden, manche schneller, manche weniger schnell und dass keine neuen mehr geöffnet werden. Stattdessen nimmt man die Gelder, die sonst darein investiert werden würden, und verwendet diese für erneuerbare Energien“. Die erneuerbare Seite funktioniere schon ganz gut. Laut der IEA wurde 2024 fast zweimal so viel in „saubere Energien“ investiert als in fossile Brennstoffe. Des Weiteren zeigt eine Studie der Denkfabrik Ember, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2025 mehr Strom aus erneuerbaren Energien als aus Kohle gewonnen wurde. Jedoch kritisiert Neubauer, dass „weiterhin neue fossile Felder geöffnet werden“.
Luisa Neubauer beschäftigt sich in ihrem Buch unter anderem mit der „Übermacht fossiler Energien gegenüber Alternativen“. In diesem beschreibt sie auch, wie tief diese fossilen Wurzeln in unseren Alltag greifen, beispielsweise wie tief diese Wurzeln in unseren Träumen verankert sind. Als Beispiel kann man hier den Führerschein heranziehen, welcher noch immer ein Symbol für Freiheit ist. Auf die Frage, wie man fossile Träume entlarvt, die weniger offensichtlich sind wie dieses Beispiel, stellt Neubauer zunächst klar, dass man einschränkend dazu sagen müsse, dass ein Führerschein in einem autoabhängigen Land wie Deutschland auch Freiheit heiße. Jedoch betont sie auch, dass das absurd sei, dass man dies einseitig als Freiheit versteht und man wahrscheinlich keinem jungen Menschen sagen würde: „Ej, das Geld, das du in ´nen Führerschein steckst, steck‘ das mal in ´ne Bahncard 50 und mach dir das Leben leicht“, weil das weder die Erwartung sei, noch die Bahn da ist. Für andere fossile Träume, die vielleicht tiefer gehen, sei die Frage – Was ist Reichtum? – bedeutend. Die meisten Menschen wollen im Laufe ihres Leben etwas wohlständiger werden, erläutert Neubauer. Ihr zufolge ist dies in Deutschland stark konnotiert mit einem Einfamilienhaus, mit „etwas Neues bauen“ oder auch Reisen, die möglichst weit weg gehen. Bei diesen Reisen gehe es weniger um das Reiseerlebnis selbst, sondern häufig um die Tatsache, dass man möglichst weit weg kommt.
In Deutschland findet sich laut Neubauer vor allem ein spezifischer Produktivitäts- und Effizienzgedanke: So ist ein bestimmtes Bild eines erfolgreichen „Business Man“ in Deutschland noch immer präsent – Der der berufliche Erfolg wird daran gemessen, wer den ganzen Tag von A nach B fliegt und damit die meisten „Meilen“ sammelt. Dabei wäre gar nicht nur das Flugzeug so bedeutend, sondern die Tatsache, dass wir Erfolg und Bedeutsamkeit im Job vor allem mit in kurzer Zeit „sehr viel machen“ und insbesondere auch große Distanzen zurücklegen verknüpfen. Gerade das sei interessant, denn davon könne man eigentlich gar nicht ableiten, ob es sich um einen guten Manager handle oder ob jemand erfolgreich ist, und eine gute Arbeit macht. Wichtig ist ihr dabei, dass sie das gar nicht wertend sagt und dass diese Ansichten nicht kategorisch schlecht sind, sondern dass sie es beunruhigend findet, dass das die Normalität ist und dass erwartet wird: Das ist Erfolg. Das ist Reichtum. Das ist Status. Es müsste ja zumindest alles cool und normal sein können. Für diese fossilen Ideen und Träume gäbe es noch ‘ne Millionen andere Beispiele, nach denen man sich mal auf die Suche machen könne.
Einen weiteren Aspekt den Luisa Neubauer in „Was wäre, wenn wir mutig sind“ beleuchtet, ist, dass Daten und Fakten allein Menschen nicht dazu bewegen, aus ihrer Komfortzone herauszukommen, um sich stärker für Klimaschutz einzusetzen. Es sind viel mehr Lebensgefühle, die Menschen zu ihrem Handeln inspirieren. Welche Lebensgefühle müsste man dann bei den Leuten wecken, die kein Interesse an nachhaltiger Entwicklung zeigen? Die Aktivistin selbst würde gar nicht bei denen ansetzen, die sich nicht für das Klima interessieren. Die aller größte Mehrheit der Leute wolle nämlich etwas tun, auch wenn man es bei einigen nicht erwarten würde. Bei genau dieser Gruppe gehe es zuallererst um das Denken über die Welt, die Auseinandersetzung mit dem Klima und darum, die Erde als unseren Planeten und unser Zuhause zu begreifen. Zentral sei dabei, dass dieses Auseinandersetzen nicht nur mit Verzweiflung, Moralismus und schlechter Laune in Verbindung gebracht wird, sondern eben auch mit Begeisterung. Neubauer schildert, dass es dabei von Bedeutung sei, zu überlegen- „Wie kann ich mich einsetzen, dass es mir Spaß macht?“ oder auch „Wie kann ich dafür sorgen, dass Leute mitbekommen, dass es mir Spaß macht?“. Als Beispiel führt sie an, dass es für sie bei den Klimastreiks immer wichtig ist, dass coole Musiker auflegen und spielen. Denn dann gehen die Menschen nach Hause und berichten davon, dass sie auf dem Klimastreik waren und dort beispielsweise Nina Chuba gespielt hat. Dadurch wird aus dem ökologische Engagement nicht mehr das Komische, das Peinliche, sondern vielleicht eine Sache, bei der man sich denkt, dass man eigentlich mal Bock hätte mitzumachen. Das wiederum sei dann ein Lebensgefühl, das irgendwann vielleicht diejenigen erreicht, die sich da gar nicht sehen würden. Kurz gesagt müsse das Ziel sein, dass die coolen Kids, z.B. an der Schule, diejenigen sind, die einfach mitdenken und dass der Einsatz für Nachhaltigkeit zu einer Sache wird, die Selbstbewusstsein schafft und keine Sache ist, für die man sich rechtfertigen muss.
Im Februar 2024 zeigte eine weltweite Studie der Universität Bonn, des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt sowie der Universität Kopenhagen, dass 89 % der Weltbevölkerung verstärkte politische Maßnahmen im Bereich Klimaschutz fordern. Auch in Deutschland wünschen sich 71% der Bevölkerung mehr Einsatz in der Klimapolitik laut dem German Social Cohesion Panel 2022. Doch obwohl der Großteil der Bevölkerung für mehr Klimaschutz ist, passiert in der Politik meist nicht genug. Kurz nachdem der Bericht des UNDP publiziert wurde, der eine Erderwärmung von 2,8 °C prognostiziert, beschloss die EU ihre Klimaziele für 2040 aufzuweichen. Wie geht man also mit dem Ohnmachtsgefühl in solchen Situationen um? Luisa Neubauer betont bei der Antwort auf die Frage, wie sie persönlich mit diesem Gefühl umgeht: „Ich find‘ das auch schrecklich und ich denke, das ist erstmal gut, dass es was mit einem macht. Das heißt nämlich, dass es was mit einem macht, wir fühlen noch was, wir sind noch Menschen. Manchmal frage ich mich, wenn Leute über das Klima reden und da gar nichts fühlen und auch gar nicht über ihre persönlichen Empfindungen sprechen, habt ihr’s wirklich verstanden, was das eigentlich heißt.“ Des Weiteren erklärt sie, dass auch eine verwundete Erde unser Zuhause ist und wir dann auch diese Welt zu lieben lernen müssen. Eine ihrer Strategien ist es, sich zu besinnen. „Auch mit diesen Prognosen schaue ich in den Sonnenuntergang und denke mir, das ist brutal schön und die Welt schenkt uns das einfach.“ Das heißt, wann immer man sich in den Gedankenspiralen der ungemütlichen Zukünften verliert, würde sie immer empfehlen „zu gucken, ob man ‘nem Vogel zuhören kann, etwas interessantes im Himmel entdeckt oder nochmal checkt wann man das letzte mal so richtig tief ein- und ausgeatmet hat und nichts außer den Wind gehört hat.“ Das möge etwas kitschig klingen, doch die aller meisten Menschen, die das machen, würden dann feststellen, dass das heißt, was Leben ist. Außerdem sei es auch immer wichtig über das Heute nachzudenken, denn die Zukunft alleine entscheidet sich dadurch, was wir in der Gegenwart tun. „Ich würde mich fragen, kann ich mein Leben nicht jetzt ein bisschen schöner und reicher machen, indem ich mich selbst so ernst nehme, dass ich auch an mich glaube, dass ich ein bisschen mehr tun kann, als nur auf mich zu gucken“.
Innerhalb dieses Interviews war es uns sehr wichtig auch Raum zu lassen für eine Frage, die Luisa Neubauer gerne einmal beantworten würde, die ihr aber noch nie gestellt wurde. Daraufhin war es ihr ein Anliegen, auch einmal darüber zu sprechen, wie gut es eigentlich um die Welt steht, da sie normalerweise immer gefragt wird, wie schlecht es um die Welt steht. Als sie mit dem Klima Aktivismus anfing, lag die Prognose für das Jahr 2100 noch bei über 3 °C. „Dass sich diese Prognose verändert hat, ist menschengemacht. Das ist passiert, weil Menschen, vor allem junge Leute, gesagt haben: ‚Wir müssen doch hier nicht ohnmächtig sein und stumm zugucken, wie das den Bach runter geht. Was seitdem auch passiert ist, ist, dass die allermeisten Investitionen in Energie in der Welt mittlerweile Investitionen in erneuerbare Energien sind.“ Dieser Schritt ist so bedeutend, „da fossile Energien bis heute ein sehr gutes Businessmodell sind, weil sie überall von den Staaten künstlich subventioniert, werden“, erklärt die Aktivistin. „Was gleichzeitig passiert, ist das die Gerichte kontinuierlich weiterarbeiten, auch wenn es in der deutschen Klimapolitik nicht so gut läuft.“ So wurde beispielsweise in den Niederlanden fossile Werbung gerichtlich verboten. Das heißt, dass z. B. Flugreisen und Kreuzfahrten noch gemacht werden dürfen, aber nicht öffentlich beworben werden dürfen, da es sich dabei immer um Greenwashing handle. Daran sehe man, dass man eben durch solche Beschlüsse doch dagegen ankommt, dass das Fossile so zum Normalen wird. Ein weiterer Hoffnungsträger ist ihr zufolge, dass „die großen Entwicklungssprünge, die wir gerade in Transformationen in Energie und in Verkehr sehen, finden gar nicht nur im privilegierten Europa statt, sondern zum Beispiel in Kenia, in Nigeria, in Indonesien, in Brasilien oder auch teilweise in China“. An dieser Stelle wird sichtbar, dass nur weil wir es nicht hinkriegen, heißt das nicht, dass das niemand hinkriegt. Denn es stellt sich heraus: „Es kriegen Leute schon hin und wir sind gar nicht die Spitze von allem. Nach so vielen Jahrhunderten globaler Ungleichheit und Ausbeutung, ist das vielleicht eine ganz schöne Feststellung: Dass wir gerade lernen müssen, wie es sich anfühlt, mal von den Anderen vernünftig lernen zu müssen und dass da Andere gerade einfach weiser sind als wir.“

