Interview mit Franka Frei

„Wir sollten endlich aufhören, uns für die Periode zu schämen. Die Menstruation ist nicht giftig, sie ist nicht verwerflich und sie ist keine Strafe – wir alle existieren nur, weil es sie gibt! Eigentlich hätten wir allen Grund, stolz zu sein.“ – Franka Frei

Wir haben ein Interview mit Franka Frei von www.frankafrei.com geführt. Sie hat Ende August mit einem Facebook-Post zu ihrer Bachelorarbeit sehr viel Aufsehen erregt. Denn sie hat ihre Bachelorarbeit zum Thema „Die Enttabuisierung eines Themas in Gesellschaft und Medien am Menstruation“ geschrieben. Am 31. August postete sie ein Foto, mit einem Text, in dem sie schrieb, welche für Hürden sie mit diesem Arbeitstitel nehmen musste und warum es so wichtig ist, dass wir das Thema Menstruation immer weiter enttabuisieren. Der Beitrag wurde knapp 42.000 mal geliked. Wir haben sie rund um das Thema Menstruation und zu ihrer Bachelorarbeit befragt.

Louisa (Join-Magazin): Zu allererst einmal: Was studierst du denn eigentlich beziehungsweise hast du jetzt erfolgreich mit deiner Bachelorarbeit abgeschlossen?

Franka: Ich habe meinen Bachelor im Studienfach Angewandte Medien gemacht. Mittlerweile studiere ich Gender Studies an der HU in Berlin.

Das Thema deiner Bachelorarbeit ist ja nicht unbedingt das „klassische“ Thema, das einer als Erstes einfallen würde. Wie bist du darauf gekommen?

Zu meiner Arbeit haben mich einige unlängst erschienene Bücher inspiriert. Ganz besonders der Comic „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist. Die schwedische Autorin führt uns auf total witzige Art und Weise vor Augen, wie seltsam verkrampft wir mit dem Thema Menstruation umgehen und woran das liegt. Ich wollte dem Thema näher auf den Grund gehen und die Rolle der Medien in diesem Zusammenhang untersuchen.

Nachdem du den Arbeitstitel bekannt gegeben hast, kam direkt die Koordinatorin deines Studiengangs auf dich zu, mehr oder weniger um dich von diesem Titel abzubringen oder wie kann man sich ihre Reaktion vorstellen?

Zuerst verfasste ich ein Exposé, mit dem ich mich auf die Suche nach einem Erstprüfer oder einer Erstprüferin machen wollte. Nachdem ich aber von allen kontaktierten ProfessorInnen an meiner damaligen Hochschule (90 Prozent männlich) nur Absagen bekommen hatte, bat ich die Koordination meiner Hochschule um Hilfe. Da kam dann die Antwort: „Das geht so gar nicht, sorry. Das ist eine Art Tabuthema“.

Viele Studierende würden unter solchen Umständen vielleicht lieber einen Rückzieher machen, als „unbequem“ zu werden. Du hast deinen Titel aber beibehalten und deine Arbeit abgegeben. War dir die Kritik egal oder löste diese ein „Jetzt erst recht.“ bei dir aus?

Erst mal war diese Nachricht schon recht entmutigend. Zu diesem Zeitpunkt lag schon einiges an Arbeit hinter mir – ich hatte bereits duzende Bücher gewälzt, mich wochenlang durch Internetseiten geklickt und die Relevanz des Themas erkannt. Deshalb wollte ich so schnell nicht aufgeben. Schlussendlich konnte ich dann mit dem Argument, dass Universitäten Orte der akademischen Freiheit und gesellschaftlichen Wandels sein sollten, doch eine der Prüferinnen für mich gewinnen.

Fast 42 Tausend Likes, ca 6.000 Kommenatre und fast 13.000 Mal geteilt: Dein Post zu der Verteidigung deiner Arbeit auf Facebook. Warst/Bist du von so viel positiver Resonanz überrascht? Und was hat das in dir ausgelöst?

Ich formulierte den Text kurz nach meiner Verteidigung – einerseits war es die Freude, über die zuletzt doch sehr gut bestandene Arbeit und der innere Triumph darüber, dass ich es trotz anfänglicher Barrieren geschafft hatte, das Thema durchzusetzen. Andererseits wollte ich darauf aufmerksam machen, was hinter dem Tabu steckt. Dass das Thema großenteils verschwiegen wird, wirft Probleme auf und betrifft soziale, ökologische und ökonomische Faktoren. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mein Post so durch die Decke geht – das zeigt, dass ich irgendwie einen Nerv getroffen habe.

Da die Periode für die meisten Menschen ein eher „unschönes“ Thema ist, könnte man meinen, es gibt vielleicht gar nicht so viele Daten und Informationen, die dir in deiner Arbeit als Quellen gedient haben. Stimmt das oder gab es deiner Meinung nach ausreichend Material – oder hast du Daten zum Teil sogar selbst erhoben?

Erst mal habe ich viel über den Tabubegriff im Allgemeinen und aus soziologischer Perspektive recherchiert. Zum „Tabuthema“ Menstruation fand ich eine Hand voll deutschsprachiger Bücher zum aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren – fast schien es so, als wäre damals der Umgang mit so einem „emanzipatorischen“ Thema ein deutlich offenerer gewesen als heute. Aktuelle Literatur zum gesellschaftlichen Menstruationstabu fand ich dann vor allem auf Englisch (in den USA gibt es seit 2015 eine Art „Enttabuisierungswelle“). Außerdem hatte ich ein paar Berichte von Hilfsorganisationen wie Plan International (in West- und Zentralafrika verpassen 40 Prozent der Mädchen mindestens einen Tag im Monat den Unterricht wegen der Periode, in Indien brechen mehr als 20 Prozent der Mädchen mit dem Beginn der Menstruation sogar die Schule ab!). Im Laufe der Monate, die ich mit der Arbeit in der Bibliothek verbrachte, erschienen fast täglich neue Artikel zum Thema und ich stieß auf weitere Literaturquellen – das war zwar einerseits unpraktisch, weil ich den Text ständig umschreiben musste, andererseits zeigte es, wie zunehmend aktuell das Thema wurde.

Was unter den Daten hat dich am positivsten beeindruckt und was hat dich am meisten schockiert, gab es etwas, womit du nicht gerechnet hättest?

Tatsächlich war der ganze Schaffensprozess durchzogen von Aha-Momenten. Einerseits war es interessant, mal ansatzweise zu durchblicken, welch komplexe, geistreiche und abgefahrene Körperfunktion die Menstruation eigentlich ist – gleichzeitig war ich zunehmend darüber schockiert, wie wenig ich über meinen eigenen Körper wusste. Zum soziokulturellen Hintergrund des Tabus gibt es gleich einen ganzen Haufen von unglaublichen Geschichten und Fakten. Im Alten Testament steht zum Beispiel, dass eine Frau während der Periode nicht angefasst werden soll – alles, was sie berührt und worauf sie liegt wird von ihrer Unreinheit angesteckt (erst nachdem dann zwei junge Tauben von einem Priester geopfert wurden, ist sie wieder rein), als wäre sie ein verseuchtes, von einem Dämon besessenes Monster.
(Menstruierende) Frauen wurden mit der Begründung, dass sie „unrein“ oder in irgendeiner anderen Form schädlich seien, aus dem sozialen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Schon in der Antike machte man menstruierende Frauen für das Schlechtwerden von Essen, das Rosten von Eisen und das Bienensterben verantwortlich. Kein Geringerer als Paracelus behauptete in der Neuzeit, dass es kein Gift der Welt gäbe, das schädlicher sei als Menstruationsblut. Die Ungiftigkeit des Menstruationsblutes wurde erst im Jahr 1958 medizinisch bewiesen (ein Jahr später wurde der erste Satellit ins All geschickt). Und trotzdem verloren noch in den 1960er Jahren Frauen in Deutschland ihren Job, weil man annahm, dass sie durch ihren „Menstrualschweiß“ materiellen Schaden verursachten. Im 19 Jahrhundert plädierten einige außerdem dagegen, Frauen an Universitäten zuzulassen, da sie ja psychisch und physisch durch „diese Tage im Monat“ stark eingeschränkt, ja quasi „periodisch irre“ seien. Noch heute existiert dieses Bild von der hormongebeutelten, hysterischen Frau. Sprüche wie „die hat doch ihre Tage“ kennt jeder.

Und dann direkt: Gibt es ein Buch, eine Studie, die du vor/während/nach dem Schreiben deiner Arbeit besonders spannend fandest und das/die du unbedingt weiterempfehlen würdest?

In Deutschland sind im Jahr 2017 zwei populärwissenschaftliche Sachbücher zur Menstruation rausgekommen. „Das Tage-Buch“ von Heike Kleen und „Ebbe und Blut“ von Luisa Stömer und Eva Wünsch. Mein absoluter Favorit ist und bleibt „Der Ursprung der Liebe“ von Liv Strömquist – ich lache mich immer wieder tot. Lustigerweise war ich vor ein paar Wochen wegen meiner Bachelorarbeit zu Gast bei „Eine Stunde Liebe“ bei Deutschland Funk Nova, zusammen mit Heike Kleen und Liv Strömquist. Hätte ich das alles geahnt, wären die mühsamen Tage in der Bibliothek wahrscheinlich mit wesentlich mehr Motivation und Hoffnung von statten gegangen.

Wo du deine Arbeit jetzt geschrieben hast, welche Faktoren, Aktionen, etc. tragen deiner Meinung nach am meisten zur Enttabuisierung des Themas „Periode“ bei – und was muss sich noch ändern, besser werden?

Ich denke, dass wir anfangen sollten, normaler mit dem Thema umzugehen. Damit meine ich nicht, dass wir dieses Jahr unsere Weihnachtsbäume mit benutzten Tampons schmücken müssen (auch wenn das wahrscheinlich sehr gut funktionieren würde). Es geht darum, mehr Aufklärung und Bildung zum Thema zu betreiben. Wo ein Tabu oder ein Mythos ist, fruchten Irrglauben, Angst und Stigmatisierung. Darüber hinaus sollten wir anfangen, alltägliche Dinge wie Menstruationsprodukte anzusprechen und zu hinterfragen. Warum zählen Tampons und co. nicht zu Produkten des täglichen Bedarfs und sind höher versteuert als Lachkaviar oder Schnittblumen? Die Periode ist doch nichts, was man sich aussucht! Außerdem wurden in Tampons und Binden immer wieder neben Unmengen von Kunststoffen auch krankheitserregende Schadstoffe gefunden – Hersteller unterliegen keiner Deklarationspflicht, was die Inhaltsstoffe betrifft. Wir, die wir uns die Dinger an unsere empfindlichsten Schleimhäute stecken (hochgerechnet mehr als sechs Jahre unseres Lebens lang!), sollten so etwas fordern. Außerdem verursachen wir mit dem Konsum dieser Produkte tausende Tonnen von Tampon- und Bindenmüll  – dabei gibt es längst wiederverwendbare Alternativen wie die Menstruationstasse.

Gibt es etwas, dass du allen Frauen mitgeben möchtest, um noch mehr #powertotheperiod zu bringen?

Die US-amerikanische Journalistin Gloria Steinem schrieb mal einen Essay namens „If men could menstruate“. Wenn Menstruation kein weibliches, sondern ein männliches Phänomen wäre, so die These, bestünde in dem Thema keine Scham oder Peinlichkeit. Männer würden sich damit brüsten, wer länger und intensiver blutet, Tampons wären kostenfrei verfügbar und die Menstruation (als Prozess seelischer und körperlicher Reinigung) wäre der Grund dafür, dass nur Männer Priester oder Militäroffizier werden können. Den Ansatz finde ich interessant. Aber in einer Welt, in der nun mal Frauen ihre Tage habe, kann ich nur sagen:
Wir sollten endlich aufhören, uns für die Periode zu schämen. Die Menstruation ist nicht giftig, sie ist nicht verwerflich und sie ist keine Strafe – wir alle existieren nur, weil es sie gibt! Eigentlich hätten wir allen Grund, stolz zu sein.
Mein Tipp:  Liv Strömquist lesen und auf meinem Blog vorbeigucken.

PS: Derzeit arbeite ich an einem Projekt namens „Periods around the world“, für das ich mit Mädchen und Frauen aus den verschiedensten Teilen und Kulturen der Welt darüber spreche, wie mit der Menstruation umgegangen wird und welche Probleme das mit sich bringen kann. Eine Aktivistin aus Pakistan hat mir erzählt, dass 80 Prozent der Frauen in ihrem Umfeld nicht mal wissen, was Menstruationshygiene ist –wie in vielen anderen Ländern auch benutzen Frauen stattdessen alte Lappen, Blätter oder Federn. Aus Uganda habe ich die Info, dass auch Plastiktüten, Bananenschalen oder Stücke von Schaummatratzen zum Einsatz kommen. Außerdem habe ich mit einer jungen Frau aus Nepal gesprochen. Sie wurde zu ihrer ersten Periode eine Woche lang von ihrer Familie weggeschickt, durfte nicht rausgehen oder spielen. Selbst das Essen bekam sie auf dem Boden hingeschobenen, weil sie als „unantastbar“ galt. Im Rahmen des Projekts habe aber auch von Kulturen erfahren, in denen die (erste) Menstruation mit einem großen Fest gefeiert wird – beispielweise bei den Zulu in Südafrika, in Japan und ironischerweise auch in Teilen Nepals. Mädchen werden beschenkt, beglückwünscht und die ganze Familie wird zum Festmahl geladen. Die Interviews werden im Laufe des Novembers auf Instagram auf dem Channel einhorn.period zu sehen und im Blog einhorn.my/periods-around-the-world-pakistan nachzulesen sein.

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