À Jour und dennoch zeitlos

Mit dem vieldeutigen Titel „À Jour – Zeitgenössische Choreographien“ hat das Bayerische Staatsballet im vergangenen Sommer einen neuen Akzent gesetzt. Zu Beginn des Jahres 2020 gab es im Prinzregententheater nun ein Wiedersehen. Die drei dargebotenen Halbstünder stammen allesamt aus der Feder junger Choreographen. Nach weiteren Gemeinsamkeiten sucht man jedoch vergebens, denn jeder von ihnen interpretiert den Begriff „zeitgenössisch“ auf seine eigene Art. Ein Blick auf einen experimentierfreudigen Abend inklusive Stargast Sergei Polunin.

Kaum hat sich der Vorhang geöffnet, schon bietet sich das erste Kuriosum. Zur intensiven Musik von Franz Schubert kippen die in einer Reihe sitzenden „sieben Herren“ wie Dominosteine einer nach dem anderen um. Mit beeindruckender Dynamik zieht „Der Tod und das Mädchen“ den Betrachter sofort in seinen Bann. Zu diesem Zeitpunkt noch unbemerkt bleibt ein achter Herr, der die Rolle des Todes einnehmen wird. Optisch hebt er sich nicht ab. Doch der Schein trügt, denn sein Opfer hat er bereits fest im Blick.

Foto: S. Gherciu

Edwaard Liang ist nicht der Erste, der eine Choreographie zu Schuberts Streichquartett geschaffen hat. Eine Besonderheit seiner Version ist aber, dass dem düsteren Verführer gleich zwei Mädchen gegenüberstehen. Bei so viel Frauenpower hat es offenbar selbst der Tod nicht leicht, die Schlinge final zuzuziehen. Seine Begleiterinnen dominieren das Geschehen und spielen dabei mit nichts Geringerem als ihrem unausweichlichen Schicksal. Doch der Tod scheint verwundbar, er fügt sich jeder ihrer Bewegungen, bis er irgendwann erschöpft zu Boden sinkt. Währenddessen machen die sieben Herren immer wieder richtig Action, wobei ihre Bewegungsabläufe kaum die Grenze zum Modernen überschreiten. Man sieht, dass es für Liang keine klare Trennlinie gibt zwischen „zeitgenössischem“ und klassischem Ballett. Darin liegt aber auch der Reiz.

Gefangen im Laub

Auftritt Sergei Polunin. Der gebürtige Ukrainer, dessen Weltkarriere einst am Londoner Royal Ballet ihren Lauf nahm kann auf eine Vita mit Ecken und Kanten zurückblicken. Wie eine Wildkatze, die jeden Zentimeter ihres Käfigs ausmisst, schleicht Polunin in einem Kreis aus Laub umher. Dazu erklingt Strawinskys „Le Sacre du printemps“. Das hat etwas Hypnotisches. Bei der Choreographie der Japanerin Yuka Oishi sollte man andererseits viel Geduld mit sich bringen. Selten wird es richtig spektakulär. Indessen lauert Polunin jeden Augenblick nur darauf, den einen großen Sprung zu machen, der ihn hinaus bringen soll aus seinem imaginären Gefängnis. Mit dem Wechsel der Musik vom ruhigen Klavier zu donnernden Bässen nimmt auch das Licht eine bedrohliche Note an. Insgesamt entwickelt sich die Nummer aber viel zu langsam, Polunin erhält nur gelegentlich die Möglichkeit, seine brillante Körperbeherrschung aufblitzen zu lassen. Die darstellerische Komponente scheint im Vordergrund zu stehen. Als Tänzer bleibt er nur ein Schatten seiner selbst.

Foto: S. Gherciu

Oishi hat „Sacré“ quasi für Polunin maßgeschneidert, an der Entstehung war er nicht unwesentlich beteiligt. Das Werk ist indes einem anderen Startänzer gewidmet. Vaslav Nijinsky tanzte vor mehr als 100 Jahren in „Le Sacre du printemps“, bevor er von einer Schizophrenie übermannt wurde. Diesen Kampf gegen die eigene Psyche lässt Polunin in seine Abläufe einfließen.

Horror garniert mit Fahrstuhlmusik

In „Cecil Hotel“ hat Andrey Kaydanovskiy die Ereignisse aus der berühmten gleichnamigen Unterkunft in Los Angeles verarbeitet. Wiederholt kam es in dessen Historie zu schrecklichen wie unerklärlichen Todesfällen, zuletzt erst vor einigen Jahren. Mit viel makabrem Humor hat sich der Russe nun dieser Thematik zugewandt. Mörder tanzen mit ihren leblosen Opfern und die Protagonistin Elisa versucht herauszufinden, wie sie selbst zu Tode gekommen ist. Dabei stößt sie auf andere düstere Geschichten. Untermalt mit einem sonderbaren Soundtrack von Dmitry Cheglakov ertönen stets im unpassendsten Zeitpunkt mal „Que Sera“, mal eine alltägliche Fahrstuhlmusik. Garniert mit viel Geräusch und wenig Melodie erscheinen die gezeigten Morde fast banal und maximal verharmlost. So wirkt die Rolle eines transsexuellen Selbstmörders, der immer wieder neue Sterbemethoden ausprobiert erstaunlich komisch.

Foto: S. Gherciu

Zuweilen nimmt Kaydanovskiys Horrorballett Züge eines Videospiels an: Elisa fährt auf ihrer Suche per Aufzug die Stockwerke des Hotels ab und wagt immer wieder einen Blick verschiedene Zimmer, wo sich ein Gewaltverbrechen nach dem anderen zuträgt. Dabei bedient sich Kaydanovskiy eines intelligenten Kniffs. Denn die junge Frau hat gleich mehrere Doubles, die es ermöglichen in die Welt hinter dem Schlüsselloch einzutauchen, ohne tatsächlich den Raum zu wechseln. Ihr eigenes Schicksal bleibt indessen bis zum Schluss unklar. Ein Balletterlebnis der anderen Art und allemal sehenswert!

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