Ein Blick auf die BMW Open 2019 – das „härteste Sandplatzturnier der Welt“ geht in eine neue Runde

Auch die 104. Auflage des 250er ATP-Turniers von München, der BMW Open hat eine Woche lang spannendes und hochklassiges Tennis geboten. Ein sehr internationales und nicht weniger namhaftes Spielerfeld lockte wieder einmal viele Zuschauer auf die Anlage des MTTC Iphitos.
Anders als 2017 und 2018 konnte Titelverteidiger Alexander Zverev diesmal aber nicht im Siegerfahrzeug platznehmen. Auf überwiegend nasskaltes Wetter war hingegen wie so häufig in den letzten Jahren Verlass. Doch auch damit weiß man in München umzugehen, das Turnier hat sich schließlich den (nicht ganz ernst zu nehmenden) Status als „härtestes Sandplatzturnier der Welt“ wahrlich
verdient. Wir schauen auf die Highlights und Kuriositäten der Turnierwoche.

Das Qualifikationswochenende

Schon am Samstag fliegen die ersten gelben Filzkugeln unter Turnierbedingungen. Das Qualifikationsfeld hat es in sich, es ist so gut besetzt wie selten in den vergangenen Jahren. Spieler wie Lorenzo Sonego oder Andrey Rublev haben sich bereits in den Top 100 der Weltrangliste etabliert und starten üblicherweise direkt im Hauptfeld. Hier müssen sie sich dieses Privileg erst erkämpfen. Auch Namen wie Denis Istomin, Lukas Rosol, Peter Gojowczyk oder Albert Ramos sprechen für sich.
Während die Quali läuft sind schon einige gesetzte Spieler im Training zu beobachten. Wobei von Sascha Zverev wenig zu sehen ist. Der ATP-Weltmeister schottet sich gemeinsam mit Bruder Mischa auf einem der hinteren Plätze ab, die den Zuschauern keinen Zugang bieten. Dort kann er sich ungestört auf die angestrebte Titelverteidigung vorbereiten.
Mittlerweile steht auch die Auslosung des Hauptfelds fest. Es warten einige Leckerbissen. So muss es der kleine Argentinier Diego Schwartzman mit der französischen Wundertüte Benoit Paire aufnehmen. Beim Einschlagen am Samstag greift Schwartzman in die Trickkiste. Mal trifft er den Ball mit links, mal einhändig, auch mit den Füßen hält er die Kugel gekonnt in der Luft – vielleicht die beste Vorbereitung für das Match gegen den Ballzauberer Paire.
In der zweiten Quali-Runde liefern sich indessen Andrey Rublev und Tiago Monteiro einen echten Fight mit dem besserem Ausgang für Letzteren. Das Match findet auf Court 1 statt, wo das Publikum am Spielgeschehen maximal nah dran ist und im Turnierverlauf noch die ein oder andere enge Partie über die Bühne gehen soll.

1. Spieltag, Montag 29. April

Am Montag ziehen die ersten Regenwolken über die Anlage, die Temperaturen sind im Keller. Während die Plätze zeitweise nicht bespielt werden können duellieren sich die südamerikanischen Profis im UNO. Der ehemalige Top-10-Spieler Ernests Gulbis schlendert über die Anlage und zeigt Interesse für die neuen BMW Modelle.
In einem Marathonspiel zieht Lorenzo Sonego, der in der Quali schon über fünf Stunden ackern musste alle Register gegen Marton Fucsovics aus Ungarn. Vor allem seine Stoppbälle verfehlen auf der nassen Asche nicht ihre Wirkung. Am Ende reicht es dennoch nicht. Nach 3:04 Stunden endet das längste Spiel der Woche mit einem Sieg für Fucsovics. Dies hat aber auch zur Folge, dass die später angesetzten Spiele am Center Court auf den nächsten Tag verlegt werden müssen.

2. Spieltag, Dienstag, 30. April

Bei der Partie von Gulbis gegen den Ex-Champion von 2014 Martin Klizan auf dem kleinen Court 2 treffen zwei Heißsporne aufeinander. Gulbis hadert mit den Platzbedingungen und beschwert sich beim Referee über die Töne, die von einer interaktiven Spielwand gleich neben dem Platz zu vernehmen sind. Diese erfreut sich vor allem bei den jungen Gästen großer Beliebtheit und bringt den Letten aus dem Konzept. Auf die Begründung des Schiedsrichters, man könne nichts machen, weil das eine der Hauptattraktionen für Kinder sei, entgegnet Gulbis wie immer schlagfertig: „Wir spielen auch für die Kinder“.
Am Abend ist der „Einser“ beim Spiel des deutschen Talents Rudi Molleker gegen Marius Copil rappelvoll. Molleker nutzt seine Wildcard und erkämpft sich den Sieg zur Freude des deutschen Publikums.

3. Spieltag, Donnerstag, 01. Mai

Der Maifeiertag bringt endlich ein paar Sonnenstrahlen, ja es wird sogar richtig heiß. Auf dem ausverkauften Center Court steigt Alexander Zverev ins Geschehen ein und gewinnt nach anfänglichen Schwierigkeiten in zwei Sätzen relativ souverän gegen Juan Ignacio Londero. Anschließend gibt Zverev zu erkennen, wie wichtig ihm dieser Sieg ist. Für den Titelverteidiger ist es bislang kein gutes Jahr, seit Februar hat er keine zwei Matches in Folge gewinnen können. Hier in München hofft er, positive Energie zu tanken und sein Selbstvertrauen wieder zu finden. Eins ist sicher – auf die lautstarke Unterstützung seiner Fans kann er auch in diesem Jahr wieder zählen.

4. Spieltag, Donnerstag, 2. Mai

„Mr. BMW Open“ Philipp Kohlschreiber nimmt den an Position 2 gesetzten, aber formschwachen Russen Karen Khachanov mit einem überzeugenden Auftritt aus dem Turnier und steht somit im Viertelfinale. Für Molleker ist gegen Roberto Bautista Agut aus Spanien Endstation, während sich FC Bayern Star Mats Hummels im Publikum die Ehre gibt.

5. Spieltag, Freitag, 3. Mai

Die Viertelfinalspiele stehen an und das gute Wetter verabschiedet sich endgültig aus München. Marco Cecchinato aus Italien währt gegen Fucsovics einen Matchball ab und schafft es nach einer Regenunterbrechung die Partie zu drehen. Es ist ein unterhaltsames Spiel, aber viele warten nur auf Sascha Zverev. Dieser muss es mit dem aufstrebenden Chilenen Christian Garin aufnehmen. Schon im Junioren-Finale von Roland Garros 2013 standen sie sich gegenüber. Auf Profi-Level ist es die erste Begegnung.
Garin schafft es einen 3:0 Rückstand aufzuholen und sichert sich Satz 1. Zum zweiten Durchgang steht Zverev schon ganz früh bereit, um alles besser zu machen. Nach schneller Führung für den Mann aus Chile scheint Sascha plötzlich Rückenwind zu spüren und zieht den Kopf noch einmal aus der Schlinge. Es gelingt ihm gar drei Matchbälle abzuwehren und den Satz kurz darauf für sich zu entscheiden. In gewohnter Manier spielt Zverev mit dem Publikum. Dieses wird im weiteren Verlauf erneut Zeuge einer Achterbahnfahrt, bei der es bis zum Ende spannend bleibt. Beim 4:5 und 15:40 muss nun Garin zwei Matchbälle abwehren und biegt das Match mit couragiertem Tennis tatsächlich zu seinen Gunsten. Auch Zverevs Diskussionen mit der französischen Stuhlschiedsrichterin nützen nichts. Am Ende heißt es „Game. Set. Match Garin“. Der Titelverteidiger muss den Platz gesenkten Hauptes verlassen.
Weil die ersten beiden Viertelfinalpartien so lange gedauert haben, weicht man mit den Matches von Kohlschreiber gegen Berretini und Bautista Agut gegen Pella auf die Nebenplätze aus, von denen es kein TV-Bild gibt. „Kohli“, der normalerweise Stammgast auf dem Center Court ist, fühlt sich auf Court 1 zu seinen Punktspielzeiten im Iphitos zurückversetzt und lässt in einem weiteren Krimi-Match alle Reserven frei. Stopps, technisch feine Volleys, Rückhände die Linie lang wie aus dem Lehrbuch – dieser Fight geht bis in die Dämmerung hinein und bietet pure Unterhaltung. Dennoch muss der Augsburger seinem italienischen Kontrahenten nach 2:41 Stunden zum Sieg gratulieren und von seinem Lieblingsturnier Abschied nehmen. Nach dem kürzlichen Turniersieg von Budapest setzt Berretini in der „nördlichsten Stadt Italiens“ seine Siegesserie fort. Damit sind alle deutschen Spieler ausgeschieden.

6. Spieltag, Samstag, 04. Mai

Den ersten Finalplatz machen Garin und Cecchinato untereinander aus. Die Bedingungen sind – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade optimal, wodurch die Qualität des Spiels etwas zu wünschen übriglässt. Es ist kein Tag für Zaubertennis. Im zweiten Satz muss bei 4:3 und Vorteil Garin wegen Hagels (!) unterbrochen werden. Kurios: Bei der Fortsetzung können nur zwei Punkte gespielt werden, bevor erneut ein Regenschauer einsetzt. Nach der zweiten Zwangspause wird das Match also beim exakt gleichen Spielstand aufgenommen. Cecchinato schafft es nie so richtig in die Partie. Diesmal hilft ihm auch die Unterbrechung nicht, sein variantenreiches Spiel wiederzufinden. Garin siegt in zwei Sätzen und steht im Finale. Für heute ist Schluss mit Tennis. Witterungsbedingt wird das zweite Halbfinale auf Sonntag verschoben.

7. Spieltag, Sonntag, 5. Mai

Es ist der lang ersehnte Finaltag, doch erstmal muss noch das zweite Halbfinale bestritten werden. Berretini kommt mit Selbstvertrauen in die Begegnung mit Bautista Agut, im Turnier hat er 35 seiner 37 Aufschlagspiele durchgebracht und die meisten (30) Asse geschlagen. In dieser Partie entnervt er den Spanier aber vor allem mit seinen perfekt ausgeübten Stoppbällen. Zum krachenden Aufschlag kommt eine gute Länge in den Grundschlägen hinzu. Sein Gegner wirkt beeindruckt und kann auch den Volley-Stopp bei Matchball nicht erlaufen. Das Finale lautet somit: Garin gegen Berretini, was auch bedeutet, dass einer der beiden gleich im ersten Anlauf den Titel bei den BMW Open holen wird.
Doch zunächst steht noch das Doppelendspiel auf dem Programm und hier setzt sich tatsächlich eine Paarung mit deutscher Beteiligung durch. Nachdem sie am Vortag Matchbälle abwehren mussten, sichern sich Tim Pütz (Deutschland) und Frederik Nielsen (Dänemark) den Sieg.
Nun ist alles angerichtet für das Finale im Einzel. Garin kommt ausgeruht in die Partie, aber auch Berretini, der heute zum zweiten Mal den Center Court betritt, hat noch nicht so viel Kraft gelassen. In diesem Match gelingen dem Italiener die Stopps nicht mehr so gut wie gegen Bautista Agut, was jedoch auch am aktiven Spiel seines Kontrahenten liegt. Immer präsent geht Garin zum richtigen Zeitpunkt gerne ans Netz. Bei frostigen Temperaturen halten die beiden Spieler die Spannung aufrecht, denn es geht in einen dritten Durchgang. Bei 5:3 serviert der Chilene schon zum Match und wackelt – ein Rebreak aus dem Nichts. Ein Tiebreak soll schließlich alles entscheiden. Und hier setzt sich Garin recht eindeutig durch. Die begeisterten chilenischen Fans feiern das Ergebnis mit Sprechchören. Eine tolle Stimmung.
Nach einer harten Turnierwoche krönt sich Garin zum Champion. Das Siegerfahrzeug, einen BMW Z4 Roadster nimmt er dankend entgegen und dreht am Centercourt eine Runde für die Zuschauer, die bis zum Ende ausgeharrt haben. Nur bei der Anprobe der echt-bayerischen Lederhose, die der Sieger ebenfalls traditionell erhält, hat der Mann aus Chile noch seine Probleme. Aber das üben wir noch – auch nächstes Jahr will Garin München einen Besuch abstatten.

Von Ilya Portnoy, Junge Presse Bayern e.V.

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