Kultur im Großraum München – Junge Menschen wagen sich auf die Straße

Es scheint ein Text zu sein, den man von Freunden und Bekannten im gleichen Alter immer wieder hört. „Ich war noch nie im Theater“ oder auch „Was ist denn bitteschön ein Musical?“ Oftmals folgt dann auch schnell der Satz: „Kultur? Das kann ich ja nur in irgendwelchen Großstädten machen. Und Musicals laufen auch nur in Stuttgart und Hamburg!“.

Laut einer Studie der Universität Düsseldorf aus dem Jahr 2014 ist der prozentuale Anteil an jungen Menschen zwischen 14 und 19 Jahren zwischen den Jahren 1994 und 2014, die regelmäßig ein Theater besuchen, insgesamt um rund 14,0% von 35,0% auf fast 21,0% gesunken. Und Ausnahmen bestätigen da nicht die Regel. Im Rahmen einiger Musicalbesuche haben wir selbst feststellen müssen, wie jung wir selbst sind. Aber lest selbst!

Kultur in München – Hotspot für junge Menschen?

Wieder finden wir uns an einem kalten Abend im schönen München – es ist kurz vor Weihnachten. Angereist aus dem Münchner Umland laufe ich mit meiner Begleitung vom Hauptbahnhof in Richtung Stachus, um zum Deutschen Theater zu gelangen. Es wird schon klar erkennbar – einige der Mitmenschen in unserem Umfeld haben das gleiche Ziel: die Aufführung von „Dirty Dancing“ – einem Tanzmusical, welches für drei Wochen in dem Theater gespielt wird. Aber es scheint eindeutig – die Veranstaltung hat ein Publikum, welches wohl eher aus der Generation unserer Eltern und älter besteht. Ob das wohl auch an den Preisen im Vorverkauf liegt?
Am Theater angekommen folgt der Besuch der Abendkasse, um die reservierten Karten abzuholen – und siehe da… es finden sich doch einige Studentinnen und Studenten wieder, die noch auf Restkarten an der Abendkasse warten. Der Druck scheint schon groß – ob wohl noch jeder eine Karte so kurz vor Veranstaltungsbeginn ergattern kann?
Schließlich machen wir uns mit unseren Karten auf zum Einlass – mit einem schnellen Blick auf die Schlange an der Bar folgt die Suche unserer Sitzplätze und finden uns wenige Minuten später in einer Story wieder, die doch vielen bekannt zu seien scheint. Die Geschichte von Johnny und Baby, Tanzlehrer und braves Mädchen, die sich kennenlernen, miteinander tanzen und ein Paar werden. Doch der Weg ist nicht leicht…

Foto: Jens Hauer / Mehr!Entertainment

Baby, ein 17 jähriges Mädchen, verbringt den Sommer 1963 zusammen mit ihrer Familie in einem Ferienresort, dem „Kellermann‘s“. Sie strebt nach Selbstverwirklichung und verkörpert auch nicht das normale Mädchen der sechziger Jahre. Deshalb versteht sie sich auch nicht so gut mit ihrer Schwester Lisa, die die typischen jungen Frauen dieser Zeit verkörpert. Baby erkundet in der ersten Nacht bei den Kellermann‘s das Gelände und entdeckt eine Art „Club“ in dem die unteren Angestellten des Resorts eine Art engen Tanz tanzen, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Dort lernt sie den Tanzlehrer Johnny Castle kennen und verliebt sich in ihn. Als seine Tanzpartnerin Penny unerwünscht von einem der Kellner schwanger wird, nimmt Baby ihren Platz in einer Tanzshow ein, um ihr und Johnny zu helfen. Babys Vater, der Arzt Jake Houseman mag Johnny nicht, sondern möchte, dass seine Tochter einen Studenten heiratet. So muss Baby ihre Beziehung zu Johnny vor ihrer Familie geheim halten. Penny‘s Abtreibung scheitert, und als sie fast stirbt, bittet Baby ihren Vater um Hilfe. Dadurch bricht sie die Beziehung zu ihrem Vater und verliert sein Vertrauen. Trotz allem bleiben Baby und Johnny zusammen, bis ein eifersüchtiger Hotelgast Johnny feuern lässt. Am Ende kommt Johnny zurück zu Baby, zeigt jedem, was für ein großartiger Mensch sie ist und tanzt mit ihr vor allen anderen.
Das Musical von Dirty Dancing ist genauso aufgebaut, wie der Film. Die Szenen wie auch die Dialoge sind fast komplett übernommen worden. Nur einzelne Wörter und kleine Teile des Films wurden verändert. So sehen die Zuschauer des Musicals beispielsweise auch eine Szene, die im Film nicht vorkommt, da sie aus dem originalen Skript gestrichen wurdeDabei geht es um eine Situation, in welcher die Mitarbeiter und ein paar Gäste des Sommerhotels am Lagerfeuer sitzen, im Radio John F. Kennedy‘s Rede hören und dann Spenden für einige Angestellte sammeln, welche sich der Friedensbewegung anschließen und dafür nach Mississippi fahren wollen. Neil, der Enkel des Geschäftsführers möchte das eigentlich auch machen, aber in diesem Akt hält Tito, ein Musiker, ihn auf und sagt, dass er besser im Norden bei seinem Großvater bleiben soll, wo es sicher ist.
Das Musical von „Dirty Dancing“ wirkt, als würde man den Film sehen, nur dass er nun auf der Bühne stattfindet. Anders hätte das wahrscheinlich auch nicht umgesetzt werden können, da Dirty Dancing so bekannt ist und viele Fans Änderungen wohl nicht gut fänden. Schön ist, dass zwar fast alles wiedererkennbar ist, aber ein paar Szenen doch verändert oder neu eingebaut wurden, die Dirty Dancing nochmal ein bisschen auffrischen und ein paar kleine neue Akzente verleihen.

Wenige Tage nach unserem Besuch in München, nahmen wir uns dann vor, die Kulturangebote der kleineren und scheinbar unbekannteren Musicalstadt „Füssen“ zu begutachten. An einem eisigen Abend fanden wir uns auf dem Weg vom Parkplatz nahe des Märchenschlosses „Neuschwanstein“ in Richtung Festspielhaus wieder. Auf dem Spielplan: Die Päpstin. Bereits auf dem Weg trifft man auf viele junge Gesichter. Familien. Aber auch ältere Musicalbesucher. Ein Publikum der verschiedensten Generationen. Wie schön!
Nach dem eisig kalten Weg bis zur Abendkasse erhofft man sich schon ein warmes Foyer im Festspielhaus. Diese Hoffnung bleibt leider unerfüllt. Kalt. Wirklich kalt. Spürbar war dadurch eine „eingefrorene“ Stimmung entstanden. Aber die Spannung auf das Musical konnte das überdecken.
Nach kleineren Komplikationen bei der Platzfindung aufgrund einer Doppelbuchung (die aber sofort äußerst professionell mit Ersatzplätzen und einem Getränkegutschein nichtig wurden), erfüllte uns schon wenige Minuten die Stimmung eines vollen Festspielhauses – die Stimmung einer anderen Zeit – die Zeit der Päpstin.

Foto: BigDimension

Im Jahr 814 anno Domini kommt als Tochter eines Dorfpfarrers und einer sächsischen Heidin ein Mädchen zur Welt: Johanna. Das Kind ist außergewöhnlich
klug und lernt heimlich und gegen den Willen seines Vaters lesen und schreiben.
Durch eine Verkettung von Zufällen bekommt Johanna schließlich die Gelegenheit, die Klosterschule zu Dorstadt zu besuchen. Doch als junge Frau hat sie es dort nicht leicht, immer größer werden die Anfeindungen von allen Seiten. Einen grausamen Normannenüberfall überlebt Johanna als Einzige.
Vom Schicksal sich selbst überlassen trifft sie eine einsame Entscheidung: Sie verlässt Dorstadt, legt ihre Frauenkleider ab, schneidet sich das Haar und gibt sich fortan als Mann aus. Aus Johanna wird Johannes Anglicus, der als Mönch ins Kloster Fulda eintritt. Es beginnt ein jahrzehntelanges Versteckspiel.
Von Fulda führt ihr Weg nach Rom. Und am Hof des Papstes spinnen mächtige Gegner ihre Intrigen. Doch Johanna geht ihren Weg weiter und steigt auf zum Leibarzt des Papstes.
Als ihr jedoch plötzlich und unerwartet der einzige Mann, den sie jemals geliebt hat, in Rom begegnet, muss sie sich entscheiden zwischen Liebesglück und Unabhängigkeit.
Als der Papst stirbt, wählt das römische Volk sie zu dessen Nachfolger und stellt sie vor eine fast unlösbare Aufgabe. Johanna muss ihr Geheimnis wahren. Denn niemand darf wissen, wer sie wirklich ist.

Das Musical „Die Päpstin“ überragt mit einer Harmonie aus Musik, Tanz und Schauspiel. Eine Geschichte, die auch junge Menschen ansprechen kann. Und wer meint, dass ein solches Szenario einer starken Frau, die um ihre Rechte und ihre Rolle kämpfen muss und sich schließlich verstecken muss, nicht zeitgemäß sei, der täuscht sich wohl sehr. Ein durchaus sehr aktuelles Musical mit vielen Denkanstößen, die sich so manch einer dringend einmal an einem Abend ansehen sollte. Hoffentlich bewegt sich dann auch was – denn das ist ja für viele die Grundlage der Kunst! Da müssen nur noch mehr junge Menschen in die Theaterhäuser!

Von Stephan Albrecht

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