Zwischen Gerechtigkeit und Willkür – „Die Kluge“ am Gärtnerplatztheater

Ab 02.10.2019 ist die Oper „Die Kluge“ des Münchner Komponisten Carl Orff auf der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters zu hören. Obwohl sich das Werk längst auf der deutschen Theaterlandschaft und darüber hinaus etabliert hat, handelt es sich um eine Uraufführung. Denn in der von Winfried Hiller und Paul Leonhard Schäfer arrangierten reduzierten Orchesterfassung für 15 Instrumentalisten zeigt sich die „Die Kluge“ in neuem Gewand.

Die Veränderungen in der Besetzung kommen nicht von Ungefähr, handelt es sich doch um eine Kammeroper von recht kurzer Dauer (ca. 80 Minuten) und verhältnismäßig wenigen Sängern. Zudem fügen sich die Musiker so besser in den eher kleinen Raum der Studiobühne ein. Hier ist der Zuhörer besonders nah dran am Geschehen. So kann ein intimes Verhältnis aufgebaut werden, was mit einer großen Besetzung kaum denkbar wäre.

In der Kammeroper hat Orff das Märchen „Die Kluge Bauerntochter“ der Brüder Grimm verarbeitet, dessen Ursprung noch viel weiter in die Vergangenheit reicht und wohl im alten Orient verwurzelt ist. Orff konzentriert sich in seiner Version auf den Konflikt von Gerechtigkeit und Willkür, Klugheit und Liebe. Doch alles der Reihe nach…

Oh, hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt!

Als ein Bauer auf dem Feld einen goldenen Mörser ohne Stößel findet, bringt er diesen dem König (Matija Meić), ohne die Warnung seiner Tochter (Sophie Mitterhuber) ernst zu nehmen. Weil der Stößel fehlt, landet der Bauer im Kerker, wo sich die erste Szene abspielt.

Schwarze Farbe prägt das Bühnenbild. Ein Thron erhebt sich auf einer pyramidenförmigen Konstruktion aus Gittern und einer Treppe. Nur ein kahler Baum dient als „Dekoration“. Der Bauer steigt aus seinem Verließ wie aus einem Käfig im Fundament der schwarzen Pyramide. Mit einem Knall schließt sich das Gitter. Er bereut seine Torheit: „Oh, hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt!“.

Der König wird indessen auf die kluge Frau aufmerksam, die das Unglück hat kommen sehen. Mit Rätseln will er die Bauerntochter überlisten, doch er muss bald einsehen, dass sie ihm intellektuell überlegen ist. Als Belohnung nimmt der König sie zur Frau. Doch das ist noch lange kein Happy End, denn „klug sein und lieben kann kein Mensch auf dieser Welt“.

Nicht nur das Bühnenbild, sondern auch fast alle Kostüme sind schwarz gestaltet, nur die Bauerntochter erscheint weiß von Kopf bis Fuß. Sie verkörpert Anmut und Besonnenheit. Als sie mit dem König eine Partie Schach spielt, wiederholt sich die schwarz-weiße Darstellung. Einen einzigen Farbakzent bildet ein Zauberwürfel, an dessen Lösung der König sich die Zähne ausbeißt. Im Gegensatz zur Klugen strahlt der Herrscher Naivität und ungezügeltes Temperament aus.  Matija Meić gelingt dabei schauspielerisch wie gesanglich eine überzeugende Vorstellung. In der Musik erfahren düstere und heitere Partien einen Wechsel, wobei vor allem schrille Flötentöne für Auflockerung sorgen.

Drei Witzbolde aus der Matrix

Zu den Aufgaben des Königs gehört es, Konflikte zu lösen. Dazu fehlt ihm aber die nötige Urteilsfähigkeit, seine Entscheidungen wirken willkürlich. Und dann kommen auch noch drei Strolche mit allerhand Blödeleien ins Spiel. Nur vermeintlich fordern sie vom König Gerechtigkeit, aber „wie leicht lässt Recht in Unrecht sich verdrehen“. Mit ihren schwarzen Lackmänteln und dunklen Sonnenbrillen scheinen die Strolche modisch dem „Matrix“-Universum entflohen und bringen mal mit Tänzen, mal a cappella, mal mit einem gut eingestreuten Spruch („Schlechte Zeiten für Leute, die noch ehrlich stehlen wollen“) der Handlung den nötigen Schuss Humor. Auch eine Reihe von Redensarten findet sich in ihrem Repertoire.

Bei allem Spaß steht aber bis zum Schluss über allem die ernste Frage, ob sich die Gerechtigkeit durchsetzen kann. Wer darf sich am Ende die Krone aufsetzen?

 

„Die Kluge“

Musik und Libretto von Carl Orff

Nach dem Märchen »Die kluge Bauerntochter« der Gebrüder Grimm

Reduzierte Fassung für 15 Instrumentalisten von Wilfried Hiller und Paul Leonard Schäffer

Uraufführung der reduzierten Fassung am 2. Oktober 2019

Foto: Christian Pogozach

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