Holz oder Herz? Zur Premiere von Coppélia beim Bayerischen Staatsballett

Mehr als 40 Jahre nachdem Coppélia in der Fassung von Roland Petit erstmals auf deutscher Bühne getanzt wurde feiert eines der letzten Meisterwerke des romantischen Balletts Premiere im Nationaltheater.

Hereinspaziert, hereinspaziert! Mit ungewöhnlichen Drehorgelklängen lädt die Walzermelodie von Léo Delibes dazu ein, ins Geschehen einzutauchen. Jetzt könnte auch eine Zirkusvorstellung folgen oder aber – und das bringt uns der Sache näher – ein Abend im Marionettentheater. Denn die Figur deren Namen das Ballett trägt ist kein menschliches Geschöpf, sondern eine Puppe aus Holz und Nägeln. Als sich der Vorhang öffnet tummelt sich auf dem Vorplatz einer Kaserne eine Schar Soldaten. Stolz marschieren sie auf der Stelle. Die Schuhe werden geputzt, die Schnauzbärte gerichtet. Was tut man nicht alles, um den angehimmelten Mädchen zu gefallen? Franz und Swanilda haben ihr Glück hingegen schon gefunden, eigentlich …

Den Verlobten steht schon bald die Hochzeit bevor. Vergnügt genießen sie ihre Zweisamkeit. Doch der junge Mann kann seine Augen nicht vom Fenster eines benachbarten Hauses lassen. Über allem thront dort seine heimlich Angebetete, die außer eines Winks mit dem Fächer keine Regung zeigt. Das Fenster gehört zu der Wohnung eines gewissen Dr. Coppélius. Seinerseits exzentrischer Wissenschaftler, der von der Gesellschaft verstoßen wurde, träumt er insgeheim von der Nähe zu einer Frau. So scheut er sich nicht vor dem Versuch, in der Manier eines Dr. Frankenstein einer Puppe Leben einzuflößen. Franz ahnt von alledem nichts. Dass Coppélia nur das leblose Werk eines verbitterten Einzelgängers ist scheint er vollkommen auszublenden.

Foto: S. Gherciu

Indessen bemerkt Swanilda die an ihr vorbeigehenden Blicke ihres Geliebten, sie bleibt aber zunächst unbeeindruckt. Doch als dieser seinen Blicken Taten folgen lässt, weiß die engagierte Frau, dass sie nun eingreifen muss. Ohne eine Spur von Eifersucht will sie versuchen ihren Verlobten zur Vernunft zu bringen. In Begleitung ihrer Freundinnen folgt sie Franz in die Höhle des Löwen. Coppélius gibt diesem indessen einen starken Trunk, um die Lebensenergie von Franz auf seine Puppe übertragen zu können. Unwissend, dass Swanilda mittlerweile Coppélias Rolle eingenommen hat, glaubt er, sein Plan sei aufgegangen. Doch wie lange wird dieser Schwindel unentdeckt bleiben?

Ein frischer Wind

Am Abend, als das Ballett zum dritten Mal gespielt wird stehen gleich drei Rollendebuts an. Franz wird von Dmitrii Vyskubenko verkörpert, seine Verlobte Swanilda von Maria Baranova und Javier Amo mimt den Dr. Coppélius. Ersterem gelingt es, große Leichtigkeit gepaart mit jugendlicher Naivität überzeugend in Szene zu setzen. Gleich am nächsten Abend soll Stargast Sergei Polunin in diese Rolle schlüpfen. Ohne seinen Auftritt gesehen zu haben und ohne ihm nahe treten zu wollen: Es ist dennoch schwer vorstellbar, dass der als Enfant Terrible gehandelte, mit allen Wassern gewaschenen Polunin einen verblendeten Jüngling authentischer darstellen könnte als Vyskubenko.

Baranova hat indessen als Swanilda eine fordernde Doppelrolle zu bewältigen, nimmt sie doch im zweiten Akt die Position Coppélias ein. Ganz natürlich gelingt ihr dabei die Verwandlung von der steifen Marionette zur lebensfrohen Gefährtin. Javier Amo bleibt als Dr. Coppélius im Gegensatz dazu im Wesentlichen stets derselbe bemitleidenswerte Lustmolch. Er braucht auch keiner virtuosen Sprünge, um der Rolle gerecht zu werden. Sein Charme liegt vielmehr in einer Situationskomik. So kann man nur herzlich lachen, wenn Amo mit einer zwischen seine Beine geklemmten Champagnerflasche kämpft, um den Inhalt seiner hölzernen Kameradin einzuschenken. Ursprünglich bloß als Pantomimenrolle ausgestaltet hat Petit den Coppélius in seiner Überarbeitung um signifikante tänzerische Züge erweitert. Das „Pas de deux“ mit Coppélia, deren Beine an jenen ihres Schöpfers hängen, ist der Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Verbindung von Tanz und Humor. Es steht zugleich sinnbildlich dafür, dass die Puppe als bloßes Objekt keine selbstbestimmten Handlungen vollführen kann, sondern aus der Hand ihres Marionettenspielers lebt.

Foto: S. Gherciu

Im Übrigen ist „Coppélia“, wie das Werk Petits im Allgemeinen durchdrungen von Einflüssen aus Revue, zeitgenössischem Tanz und viel Humor. So erscheinen die Soldaten und ihre Damen in ihrem Zusammenspiel einerseits als Karikaturen der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Wackelnde Schultern und Hände bringen indessen einen Hauch von Broadway. Andererseits zeigen Swanildas Freundinnen mit schlotternden Knien beim Betreten von Coppélius‘ Wohnung ihre Ängste und damit ihre Menschlichkeit.

Nur ein Hauch von Unheil

Bei aller Unterhaltsamkeit der Darbietung bleibt fast unbemerkt, wie wenige Details das Bühnenbild von Ezio Frigerio ausmachen. Ein Hausfassade durch deren Fenster ein angenehmes helles Licht fällt und hinter dessen Fenstern zuweilen Menschen auf und ab laufen wie in einem Puppenhaus: Mehr gibt es ist im ersten und kurzen dritten Akt nicht zu sehen. Der Fokus liegt auf der hohen Ballettkunst von Solisten und Ensemble. Die eingängige Musik von Délibes macht Coppélia zu einem erfrischend kurzweiligen Vergnügen. Daneben sind noch einzelne Spezialeffekte erwähnenswert, die dazu dienen, etwas Düsterkeit in das ansonsten heitere Geschehen einzubringen. So ist Dr. Coppélius‘ zu Hause als eine Art Gruselkabinett eingerichtet. In einem Schrank finden sich hier Körperteile, die als Ersatzteillager für Coppélia dienen könnten. Gelegentlich fangen Köpfe, Arme und Beinen an sich hin und her zu bewegen und die Lichter pulsieren. Vor großem Unheil mahnend funkt ein Gewitter beim ersten Pas de deux von Franz und Swanilda dazwischen. Von den ernsten Handlungsmotiven E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“, der als literarische Vorlage für „Coppélia“ ist darüber hinaus nur wenig übriggeblieben. Dies, obwohl Petit in seiner Choreografie einen größeren Schwerpunkt auf Themen wie Einsamkeit und dem Streben nach unerreichbaren Idealen gelegt hat.

Schlussendlich ist die Liebe aber stärker als alle Illusion. Während Franz und Swanilda vergnüglich ihre Hochzeit feiern, bleibt Dr. Coppélius gescheitert mit den Überresten seiner Schöpfung zurück. Herz siegt schließlich über Holz.

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